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Ernährung bei Demenz
Oberbergischer Kreis. Herr Mayer, 85-jährig ist auf einem Bauernhof aufgewachsen zwischen Katzen, Hunden, Hühnern, Kühen und Traktoren. Schon als Kind hat er dem Vater im Hof und auf dem Feld geholfen. Sonntags ging alles geruhsamer zu. Herr Mayer erinnert sich an den Kirchgang und das festliche Mittagessen danach. Es gab immer einen köstlichen Sonntagsbraten, Kartoffel aus der eigenen Ernte und Erbsen aus dem Garten der Mutter. Gerne erzählte er immer wieder davon, wie er sich auf jeden Sonntagmittag freute. Inzwischen wohnt Herr Mayer schon fünf Jahre im Seniorenheim und weiß nichts mehr zu erzählen über seine Kindheit auf dem Bauernhof. Aber wenn der Duft des Mittagessens in seine Nase steigt, dann kann es sein, dass die Erinnerung wieder da ist.
Mit zunehmendem Alter erinnern sich Menschen immer öfter an die Zeiten, als sie noch zur Schule gingen, an das Elternhaus, und an Lieblingsspeisen, deren Geruch ihnen das Wasser im Mund zusammen laufen ließ.
Menschen, die an einer Demenz leiden, können ihren Alltag immer weniger alleine bewältigen. Das Kurzzeitgedächtnis verlässt sie immer öfter, das Langzeitgedächtnis dagegen bleibt länger erhalten. So kann es sein, dass der Geschmack und Geruch einer Speise Erinnerungen weckt an „alte“ Zeiten und einen dementen Menschen zeitweise in die reale Welt zurückholt.
Deshalb ist es wichtig, dass alle, die Speisen für sie zubereiten und ihnen anreichen, auch ihre Essbiografie kennen müssen. Liegen darüber keine Informationen vor, so besteht die Gefahr der Nahrungsverweigerung und in der Folge Mangelernährung und drohende Austrocknung.
Demenzkranke Menschen nehmen Hunger, Durst und das Sättigungsgefühl immer weniger wahr. Alleine lebende Menschen können ihre Lebensmittel nicht mehr selbständig besorgen. In der Senioreneinrichtung können die Wünsche bezüglich des Lieblingsgetränks oder des Lieblingskuchens nicht mehr geäußert werden. Häufig wird die Nahrungsaufnahme nicht mehr realisiert oder der Erkrankte vergisst einfach zu essen. Oder er spielt mit dem Essen, weil er es nicht mehr als Speise erkennt. Die Fähigkeit, mit Essbesteck umzugehen, geht verloren. Die unbekannte und vielleicht fremde Esskultur in der Pflegeeinrichtung erzeugt Angst oder Abwehrverhalten.
Grundlegende Voraussetzung für die Ernährung von Menschen mit Demenz ist eine positive Gestaltung der Beziehung zwischen der betreuenden Person und dem Kranken, so dass, solange dies noch möglich ist, Wünsche, Vorstellungen und Ansichten mitgeteilt werden können. Kann der alte Mensch sich nicht mehr äußern und nicht mehr sagen, was er will, müssen professionell Pflegende die Angehörigen nach Ess – und Trinkgewohnheiten befragen. Denn eine weitere entscheidende Voraussetzung für eine bedürfnisorientierte und bedarfsgerechte Ernährung ist das Wissen um die Essbiografie.
Die Anregung der Sinne durch vertraute Lebensmittel und das Auftauchen der dazu gehörigen Bilder aus dem Gedächtnis aus längst vergangenen Tagen können den Dementen dazu bringen zu erzählen. Der Duft von Pflaumenkuchen kann den Erkrankten in einer positiven Weise anregen und liebe Erinnerungen aktivieren, die er als angenehm bewertet.
Das Einbeziehen der demenziell erkrankten Menschen in die Vorbereitungen der Mahlzeiten, indem sie beispielsweise alte ihnen bekannte Küchengeräte benutzen, sich alte Kochbücher anschauen, oder die Kräuter, die gezupft werden sollen, tasten, riechen und probieren, ist eine weitere Möglichkeit des Ansprechens der Sinne. Die Essensvorbereitung ist ein Weg über eine Brücke in die Vergangenheit der dementen Menschen.
Eine weitere Alternative ist die Ernährung mit Fingerfood. Biografieorientiert werden Speisen in kleinen Portionen so angerichtet, dass sie zum Anfassen motivieren. In der Praxis konnte beobachtet werden, dass mit allen Sinnen und großem Genuss gegessen wird. Speisen, die appetitlich präsentiert werden, deren Geruch und Geschmack die Sinne anregen, haben eine große Stimulationskraft. Mit dem Lieblingsessen aus der Familienzeit gelingen positive Gefühlsassoziationen. Wichtig ist auch, dass mit Fingerfood die Selbständigkeit des Esseneinnehmens erhalten werden kann.
Angehörige und professionell Pflegende, die mit der Pflege und Betreuung von Dementen betraut sind, sollten sich für eine gute Ernährung dieser Menschen einsetzen. Die Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen fordert: „Besondere Aufmerksamkeit ist der Ernährung von Menschen mit Demenz beizumessen, die vielfach individuelle Anregung und Motivierung zum Essen und Trinken benötigen und häufig einen erhöhten Energiebedarf haben.“
Literatur:
- Biedermann, Markus. (2003). Essen als Basale Stimulation. Hannover: Vincentz Verlag
- BMFSFJ. BMG. (Hrsg.). (Aug. 2006). Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen. Berlin. Bonn.
- Köther, Ilka. (Hrsg.). (2007). Altenpflege professionell. Thiemes Altenpflege (2. Aufl.). Stuttgart. New York: Thieme
- Kwiatkowski et al. (10/09). Ernährungskonzept bei Demenz. Mehr Appetit mit Fingerfood. In: Die Schwester Der Pfleger 48. Jahrg.
- Lektorat Pflege. (2007). Altenpflege konkret. Gesundheits- und Krankheitslehre (3. Aufl.). München: Elsevier GmbH, Urban & Fischer
Letzte Änderung: 01. September 2010


